Ein Satz in vier Wänden

Wer kennt sie nicht, die sympathische Mollige von RTL mit der schönsten Show zum Thema Vorher-Nachher-Effekt? Das Prinzip von „Einsatz in vier Wänden“ von Tine Wittler ist ganz einfach: eine Familie schreibt einen Brief an die Moderatorin, dass sie gerne schöner wohnen möchte. Diese rückt dann mit einer Handwerkermannschaft an und verwandelt die Bruchbude in ein traumhaftes Wohnerlebnis. Die Familie darf dann medienwirksam staunen und alle weinen vor Glück und Dankbarkeit.

Doch RTL wäre nicht RTL, wenn sich nicht durch Extreme die Quote nochmals steigern ließe. Auf die Normalos folgten massenhaft Wohnbehinderte, bei denen man sich als aufmerksamer Zuschauer oft am Hinterkopf kratzend fragte: kam die Einrichtungsnot wirklich überraschend, wenn sich die Pennykassiererin mit arbeitslosem Mann und zwei Kindern vor drei Jahren ein Einfamilienhaus gekauft hat?

Das Konzept von der Sendung schwenkt Richtung Sozial-Voyeurismus und nennt sich dann „Einsatz in vier Wänden Spezial“. Heute wurde eine Jubiläumsfolge gesendet, die es thematisch in sich hatte: eine Familie, die 18 Jahre unter dem Messie-Syndrom der Mutter litt. Das Haus war mit 28 Tonnen Müll gefüllt und mir fehlte wahrlich jegliche Phantasie, wie der Ehemann nach Auszug der Messiefrau noch zwei Jahre auf dem Sofa in der Wohnzimmermüllkippe geschlafen haben soll. Das hört sich eher nach Sterbehilfe mit Eigeninitiative an. Ist es nicht faszinierend, dass man mit Müll und Moder Rekordquoten erzielen kann?

Mein ganz persönlicher Höhepunkt: Tine Wittler, gern mit blumigen Mustern rund ums prachtvoll voluminöse Dekolleté, kam nicht durch die Haustür, weil sie aufgrund des Mülls nur einen halben Meter breit zu öffnen war. Da lob ich mir unsere Germany’s Next Topmodels; die wären problemlos in Zweierreihen durch diesen Türspalt gegangen – mit lebendiger Handetasche versteht sich.

Nachdem eine Handvoll grobschlächtiger SULO-Männer in ABC-Schutzanzügen das Haus entrümpelt und desinfiziert hatten, war die Sendung fast schon um, obwohl sich das Haus eigentlich erst in dem Stadium befand, in dem die bisherigen Sendungen begannen. Man kam gerade noch dazu, eine Heizung einzubauen und die Wände zu verputzen.

Immerhin konnte Tine ihren obligatorischen 10 Sekunden Auftritt mit dem Motto „auch ich packe mit an“ unterbringen, denn sonst inszeniert sie sich ja nur dabei, wie sie den Profis erklärt, wie diese ihre Arbeit verrichten sollen. Die sind natürlich immer total dankbar für jeden hilfreichen Tipp, immerhin kommt er von der Frau, die uns gut dosiert mit Deko-Faustregeln für die Ewigkeit beglückt: „Immer ungerade Stückzahlen. Zwei oder vier Vasen auf dem Tisch sehen einfach nicht aus.“

Eine Sinnesfreude der besonderen Art sind natürlich auch immer die musikalischen Untermalungen. Da kann man sich wirklich die große Timelife-25-CD-Kollektion sparen, denn zu jedem gezeigten Möbelstück, jeder Kloschüssel oder Delphintapete wird ein passendes Lied aus den letzten 30 Jahren Musikgeschichte eingespielt. Wenn die Hausbesitzerin schwer krank war, hört man dann auch gerne mal das Worldtradecenter-Lied “Only time” von Enya, damit auch der letzte Zuschauer fühlt: Krebs ist wirklich eine böse Sache.

Als verbale Begleitung begeistert eine anonyme Stimme aus dem Off den geneigten Zuschauer mit Texten, die wahrscheinlich aus dem großen Tine Wittler Satzbaukasten stammen. „Der vormals enge und dunkle Flur wirkt durch diese raffinierte Schrankinstallation wohnlich und hell.“ Da muss man einfach nur die jeweiligen Begriffe austauschen, fertig. Frei nach dem Motto „Ein Satz in vier Wänden“.

Und wenn die famose Truppe dann alles umgebaut hat, darf die Familie endlich zurück ins Haus, nachdem sie in der Umbauphase im Campingtrailer von Tine Wittler wohnen musste. Obwohl das für die Familien ja schon einen wohnkulturellen Aufstieg bedeutete. Nach Betreten des Hauses ist Bauklötze-Staunen um die Wette angesagt. Denn dass man mal in einem Haus wohnen würde, dass wie ein IKEA-Trainingslager aussieht, das passiert einem ja nun auch nicht alle Tage. Aber einem geschenkten Gaul schaut man nun einmal nicht ins Maul.

Ich würde gerne mal eine Show machen „Krischans Einsatz in 4 Wändern – ein Jahr danach.“ Die pfiffigen Wandschrankkonstruktionen lassen sich nicht mehr bewegen, der schwarze HiFi-Tisch mit Edelstahlgestänge aus der aktuellen Werbebeilage fand leider auch seinen Platz, die Delphintapete ist runter und die flugs verkleideten Wände schimmeln vor sich hin.

Wie auch immer: ich freue mich auf die Fortsetzung der Messie-Folge. Ob ins Wohnzimmer eine Tapete mit Müllmotiven geklebt wird - als Hommage an die Messie-Mutter? Sehen wir, ob Tine Wittler es ohne Hilfe durch die Haustür schafft? Wir dürfen gespannt sein.

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Dieser Artikel wurde von Krischan am Dienstag dem 04/03/2008 um 0:49 Uhr veröffentlicht und ist folgenden Themengebieten zugeordnet: Alles, Medien, Sonstiges.

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9 Kommentare über “Ein Satz in vier Wänden”

  1. Jules meint:

    …ganz großartig wiedergegeben…freue mich schonauf den Teil II und Tines neue Blumentapetenmustertunika….

  2. Rainer meint:

    …klasse beschrieben. Dem Konsument, sprich Fernsehzuschauer, wird wie so oft die heile Welt vorgespielt……!!

  3. Weyoun meint:

    …gut beschrieben.

    Besonders gut war auch: Noch am Morgen versperrten hunderte von Müllsäcken den Flur und ließen den Raum kleiner wirken….

    Die Redaktion hat keine Ahnung von echter Messi-Dekoration. Wer hat dem sprechenden Poncho eigentlich meinen Haustürschlüssel gegeben?

  4. Maluquinha meint:

    bei so beiträgen freue ich mich immer, dass ich keinen fernseher habe :-D

  5. cornelius meint:

    in frankreich gibt es dieselbe show: hier erhält jeder kandidat für jeden kilo weggeworfene alte möbel, zehn euro oder so: da hätte die messie-kandidatin gute chancen.

    Also, um den RTL Abend nochmal aufzugreifen, die folgende show ist eigentlich eine noch grausamere angelegenheit: der arbeitsbeschaffer (vielleicht schon abgesetzt…) . Ich erinnere mich an das zitat: “Ja Herr XXX will seinen neuen Job 300 km entfernt nicht annehmen; da seine ganze familie mitkommen müsste,….solchen Leuten will ich dann auch einfach nicht helfen…!!”
    Quote mit Armut, meistens geistiger Natur, zu machen ist armselig

  6. klopsek meint:

    krischan scheint in wirklichkeit von tine wittler doch ziemlich angetan - zumindest anhand der unzähligen beispiele von unterschiedlichen folgen im text :-)
    spaß bei seite: witzig geschrieben & weiter so!

  7. bor-ing meint:

    Unter normalen Bedingungen hätte das Haus doch in gelbe Fässer verpackt, zunächst zwischen- und nach vielen Jahren endgelagert werden müssen. Aber da kommt die dicke Blonde in ihrem Vollschutzanzug und grinst alle Sorgen blöd weg.

    Hurra, da freuen wir uns doch schon ganz vorzüglich auf den Teil 2 der Messi-Sanierung. Da wird die lustige Tine dann mal wieder “Stauraum” schaffen und ein wenig “indirekte Beleuchtung” an die Wand klatschen.

    Der “Clou an der Sache” wird aber ein benutzertypisches Gimmick, das an die vorherige Nutzung erinnert. Vielleicht das alte Sofa, das durch Einlegen in Formaldehyd konserviert wurde…

  8. Krischan meint:

    Vielen Dank für die bisherigen Kommentare. Wer auf den Geschmack gekommen ist: hier findet man die Shows des letzten halben Jahres als Stream :)

    @klopsek: wenn Du eine Show kennst, kennst Du alle ;)

  9. Johnny-B meint:

    Hey, ich bleib dabei: Deine Aufarbeitung des Themas ist bei weitem witziger und interessanter als das Original im TV - das ich versehentlich einmal gesehen habe, als just bei jenem Sender die Batterien meiner Fernbedienung versagten… Ich frag mich immer: “wer produziert sowas?” und “wer will das eigentlich sehen?”
    Weiter so!

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