Frau Huber und die Wirtschaftskrise

2008 war das Jahr, als die fallenden Dominosteine der Weltwirtschaftskrise auch den Verbraucher erreichten. Kollabierende Kredite, vom Geldversorgungssystem isolierte Banken, rapide sinkende Nachfrage. Waren vorher eher Investmentbänker emotional betroffen, greift die Krise jetzt auch auf die einfachen Bürger über, genauer gesagt: auf Frau Huber.

Wollten wir im letzten Jahr noch für unsere Staatshaushalt sparen, ist Konsum jetzt sehr wichtig. Wenn wir nichts kaufen, dann können die Firmen nichts mehr verkaufen. Das finden die dann wiederum ziemlich blöd und beschließen, dass Kosten im gleichen Umfang sinken müssen wie die Umsätze. Und da man ja nicht einfach im Kaufhof die Heizung runterdrehen kann, um Geld zu sparen, minimiert man die Kosten, indem man die netten Frau Hubers von der Parfum-Abteilung in einen langen unbezahlten Urlaub schickt. Frau Huber freut sich nun, dass sie keine Einkommenssteuern mehr zahlen muss, bis ihr auffällt, dass sie ja gar nichts mehr verdient und man mit gesparten Steuern die Miete nicht bezahlen kann.

Also kann sie nun beispielsweise eine saftige Mietsenkung mit einer Ein-Frau-Demonstration vor dem Einfamilienhaus des Vermieters starten, was aber wegen Mittelknappheit beim Kauf einer orangefarbenen und nachts leuchtenden Weste sowie Trillerpfeifen und Pappplakaten erschwert wird. Letztlich scheitert es daran, dass sich niemand anderes findet, der die andere Seite des Drei-Meter-Transparents hält, das dem Vermieter mit markigen aber sich vor allen Dingen reimenden Slogans zu der saftigen Mietsenkung bewegen soll. Da aber der Vermieter von Obst und von Saft schon erst recht nicht viel hält, geht er auf die Forderungen nicht ein und ignoriert auch geflissentlich die Sitzblockade von Frau Huber auf dem Fußweg vor seinem Haus. Frau Huber bricht ihre Demonstation ab und ist enttäuscht, dass darüber nicht mal im Fernsehen berichtet wird.

Die Gesamtheit der Frau Hubers in Deutschland verlegt nun ihren Sitzstreik vor den Fernseher, um morgens im Frühstücksfernsehen der ARD zu erfahren, dass eine Weltwirtschaftkrise auch ihr Gutes hat: alles wird billiger. Aber selbst wenn die Milch nun 10 Cent günstiger wird, kann Frau Huber die Milch von 0 Euro Einkommen nicht bezahlen. Die rettende Idee kommt von einem Gast des Frühstücksfernsehens, der vorschlägt, einfach die Geldmenge im Euroraum zu erhöhen. Das, so findet Frau Huber, ist absolut richtig, aber niemand bietet ihr eine Erhöhung der Geldmenge an. Auch die Moderatorin ringt um geistreiche Worte, um ihre fehlende Vorstellungskraft im Thema Erhöhung der Geldmenge clever zu kaschieren. Da sich auch niemand in der Nachbarschaft dazu durchringen kann, die Geldmenge im Euroraum zu erhöhen, denken sich alle Frau Hubers, dass sie einfach nicht mehr soviel einkaufen werden.

Das aber merkt der Kaufhof wiederum in der eigenen Kasse, weil seine Umsätze erneut sinken und er wieder eine neue Frau Huber entlassen müsste. Aber wenn man nur noch eine Fachkraft im fußballfeldgroßen Laden hat, dann würden die Kunden ja denken, sie seien im Media Markt und der Mann aus der Kühlschrankabteilung kann bekanntlich einen Fernseher nicht von einer Kaffeemaschine unterscheiden. Das merken natürlich die wachsamen Kunden und finden diese Geschäfte noch blöder. Deswegen machen die Geschäfte nun Verlust.

Und weil der Staat ja gewinnträchtige Unternehmen mit Steuern bestraft, muss er diese nun belohnen, indem sie keine Steuern mehr zahlen brauchen. Trotzdem ist es sehr ärgerlich, weniger Steuereinnahmen zu haben, denn noch sind viele Beamte in den staatlichen Läden zu bezahlen, damit es nicht leer wie bei Media Markt ist und man sein eigenes Echo nach dem Schrei nach Hilfe vernimmt.

Politiker sind allerdings gewitzte Zeitgenossen und kennen natürlich das Heilmittel für die Misere. Neben der Geldmengenerhöhung, die aber auch die Politiker nicht erklären können, bleibt da das Verteilen von Geschenken, damit die Menschen wieder ein Lächeln auf die Lippen gezaubert bekommen. Da aber nicht alle Menschen gleich sind, ärgern sich die Fahrradfahrer, wenn die Politiker den Autofahrern eine Steuererleichterung schenken. Und die Klempner ärgern sich schwarz, wenn die Politiker nun Straßen bauen lassen. Alles nur, um Menschen wieder mit Arbeit zu versorgen oder zum konsumieren anzuregen.

Ein sehr beliebtes Mittel, um sogenannte Kaufanreize zu setzen, ist das Verteilen von Konsumgutscheinen. Diese kleine bunten Zettelchen berechtigen zum preisreduzierten Kauf von Waren, also wie Gutscheine, die man zu Weihnachten von einfallslosen Verwandten geschenkt bekommt mit dem erklärenden Hinweis, man wüsste ja selbst am besten, was man brauche. Frau Huber könnte sich nun endlich die Reise in die Karibik leisten, die sie sich schon immer gewünscht hatte.

Ärgerlich daran ist, dass ein Großteil des Geldes nun in der Karibik oder bei der ausländischen Fluggesellschaft hängen bleibt, also letztendlich bei Leuten, denen die deutsche Politik gar nicht helfen wollte, obwohl die das natürlich nie vor einer Kamera zugeben, da wir ja alle in einem globalen Dorf leben, indem jeder jeden mag. Aber auch nur, weil es sonst morgen keine Sportschuhe mehr geben würde oder weil dann ein DVD-Player einen Preis von 400 Euro hätte, weil die herstellenden und dann deutschen Menschen nämlich Lust darauf haben, mehr als die 50 Cent pro Stunde zu verdienen, die ihre Nachbarn weiter hinten bekommen.

Und da die Politiker die Nachbarn aus dem Dorf nicht unnötig verärgern wollen, wird diese Idee wieder verworfen. Anstatt dessen bevorzugte man Abwrackprämien, die zwar genau das gleiche Phänomen bewirkten, nur dass Autos sich irgendwie deutscher anfühlen als Karibikreisen oder DVD-Player.

Dafür bekam man 2008 etwas geschenkt, das man sich schon seit Anbeginn des selbsständigen Denkens gewünscht hat: eine Schaltsekunde. Das ist nicht etwa die Zeit, die vergeht, bis Senioren nach Umschalten der Ampel den ersten Gang eingelegt haben, sondern eine extra Sekunde in der Silvesternacht. Denn die Erfinder der Zeit haben sich gedacht, sie könnten uns ehrenhaften Bürgern verschweigen, dass das Jahr gar nicht aus so schönen ganzen glatten Tagen besteht -  wie man sich das ja aus Ordnungsliebe gerne wünschen würde - sondern eine Viertelsekunde länger. Und die schummelt man dann heimlich alle vier Jahre in die Uhren. Den Bürger freuts, denn Zeit ist ja bekanntlich Geld und auch Kleinvieh macht Mist.

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Dieser Artikel wurde von Krischan am Dienstag dem 30/06/2009 um 20:33 Uhr veröffentlicht und ist folgenden Themengebieten zugeordnet: Alles, Weltgeschehen, Konsum.

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6 Kommentare über “Frau Huber und die Wirtschaftskrise”

  1. Nela meint:

    wirtschaftskrise erklärt à la krischan… viel besser als die logo kindernachrichten!

  2. cornelius meint:

    warum ‘frau huber’ in die karibik fliegt, sich aber keine Milch mehr kaufen kann, bleibt wohl ein rätsel.

  3. Krischan meint:

    Wie man einfach nachlesen kann: die Zahlungsunfaehigkeit bezog sich explizit auf das fehlende Einkommen (Konsum durch laufende Einkuenfte), waehrend die Karibikreise eine durch Konsumgutscheine subventionierte Ausgabe ist, die zB auch aus gesparten Mitteln finanziert werden koennte.

  4. Birti meint:

    Immer wieder herrlich! Ich liebe ja Deinen Zynismus, wobei ich in diesem Fall ja leider Deinen Realismus hochloben muss. Und wie Nela schon bemerkte: sehr anschaulich! :0)

  5. Kay meint:

    Wie immer sehr amüsant zu lesen. Hast Du jetzt eigentlich schonmal den Verlag angetrickert den ich Dir genannt habe? Es wird langsam Zeit das mehr Menschen in der Republik Deinen realistischen Zynismus oder besser zynischen Realismus bestaunen und geniessen können.

  6. Krischan meint:

    Danke für die lobenden Worte.

    Aber Asche auf mein Haupt… nein, noch nichts unternommen…