Krischans Konzept für den Weltfrieden
Leben in anschlagsgefährdeten Ländern bringt für Ausländer meistens das Wohnen in einem Compound mit sich. Dieser ist wie ein Block inmitten einer Stadt, der von hohen Mauern und Stacheldraht umgeben ist; unterbrochen nur durch eine einzige Ein- und Ausfahrt, an der Wachpersonal mit Schusswaffen und Panzerfahrzeugen wie Türsteher vor einer angesagten Disco steht und die einfahrenden Autos kontrolliert.
Bis jetzt gab es allerdings und glücklicherweise keinen einzigen Anschlag. Aber gerade deswegen muss der Job des Sicherheitspersonals ja auch unglaublich langweilig sein. In voller Montur bei 44 Grad im Schatten in einem Panzer zu sitzen und darauf zu warten das endlich jemand angreift, das ist ja noch schlimmer als ein Tierforscher zu sein, der jahrelang durch brasilianische Urwälder streift, um einen mystischen Falter oder ein uriges Völkchen zu finden, das sich Gegenstände des alltäglichen Ureinwohneralltagslebens in die Ohrlöcher fummelt.
Aber nein, keine mystischen Falter und urige Völkchen schon gar nicht. Höchstens ein Ameisenvolk, das den Mittags-Börek durch einen Spalt in der Tupperdose in Krümeln nach und nach über stark bekrabbelte Ameisenstraßen abtransportiert. Bei soviel Monotonie ist es verständlich, wenn das Hirn langsam mit dem Aufhören anfängt. Verzweifeltes Suchen nach geistreichem Gehalt in ödem Material.
„Und hier die Staumeldungen. A4 Höhe Tupperdose 20 cm zähflüssiger Verkehr in beiden Richtungen wegen Gegenständen auf der Fahrbahn.“ Ameise wegschnippen und wieder auf die Compoundeinfahrt schauen. Immer noch kein Angriff und auch nur 30 Sekunden mit Ameisenstauansagen überbrückt.
30 Sekunden, ein Bruchteil der Zwölfstundenschicht des Wachpersonals. Aber ist noch mehr aus dem Thema Ameisen herausholen? Die Ansage mit dem Kaffeebecher vor den Mund zu wiederholen, weil sich die Stimme dann etwas mehr nach Radioübertragung anhört? Die Möglichkeiten sind einfach zu stark begrenzt. Und spätestens, wenn der Offizier durch die Panzerluke hereinschaut und mit skeptischen Blick fragt, warum sein Schütze Staumeldungen in den Kaffeebecher spricht, ist das Thema Ameisenstau auf der A4 fürs Erste erledigt.
Wer kann also Abwechslung bringen, wenn nicht die hineinfahrenden Compoundbewohner? Und an dieser Stelle halte ich es einfach für meinen unausgesprochenen Auftrag der Gesellschaft, diese Monotonie zu durchbrechen. So unterrichte ich täglich das TNT-suchende philippinische Wachpersonal durch das hinuntergefahrene Autofenster in der deutschen Sprache. Mittlerweile verfügt es über einen beträchtlichen Sprachschatz, wie folgender Dialog zeigt:
Wachmann: Gutten Tak!
[Bei besonders guter Laune auch: Wuuuundeschöne gutten Tak!]
Krischan: Guten Tag!
Wachmann: Wie getz?
Krischan: Danke gut. Und selbst?
Wachmann: Alles klaaar.
[Verschwindet mit dem TNT-Detektor hinten am Auto]
Wachmann: Alles gutt. Auf Widdesehen!
Krischan: Auf Wiedersehen.
Nach einiger Zeit bin ich dazu übergegangen umgangssprachliche Redewendungen einzubauen, gerne auch gewürzt mit regionalen Dialekten.
Wachmann [professionell]: Gutten Tak!
Krischan: Guten Tag. Und? Wie geht’s?
Wachmann [selbstbemitleidend aber lässig]: Muss…
Dieser Kandidat zeichnet sich durch besonderen Lernwillen aus, den er besserwisserisch zum Besten gab, als ich einmal bei Dämmerung in den Compound gefahren bin.
Krischan: Guten Tag!
Wachmann [empört auf die Dunkelheit hinweisend]: Gutten Tak? Gutte Abend!
Womit er natürlich Recht hatte. Dass der Wachmann meine kurzen Deutschlektionen so ernstnimmt und dann auch noch mitdenkt, hat mich unglaublich gefreut, dass ich mich gleich im nächsten Goetheinstitut für den diesjährigen Verdienstorden angemeldet habe.
Ich finde sogar, der Friedesnobelpreis wäre gerechtfertigt. Wenn das Wachpersonal nicht einigermaßen gut aufgelegt ist und völlig überreagieren würde, wenn wirklich einmal jemand als Bösewicht entlarvt würde, könnte es zu schlimmen Folgen kommen. Fangen die dann auf Kommando an, alles zusammenzuschießen? Man kommt vom Einkaufen und plötzlich beginnt ein weiterer Golfkrieg? Absolut inakzeptabel.
Ich warte demnach auf die Kaffeebecher-vor-dem-Mund-Durchsage im Panzerwagen: „Der Friedensnobelpreis geht dieses Jahr an Krischan, der mit seinem Micro-Deutschschulen-Konzept den Frieden im mittleren Osten über Jahre hinweg nachhaltig sicherte… Kommen wir nun zu den Staumeldungen…“
19/05/2009 um 8:40
…mehr vom Land der Sandhügel, der stoffbehüllten Menschen, der vielfarbigen Paschminaschals und der dienstorientierten cleaning assistents
:-)
19/05/2009 um 8:41
boah…also meine schönen kommentare löscht das ding, aber 5 sterne darf ich nicht nochmal verteilen…so nicht! ich beschwere mich!
21/05/2009 um 23:18
Krischan… der Weltverbesserer kriegt von mir vier Sternchen! Das fünfte gibt es erst, wenn man weiß, wie die Geschichte ausgeht
15/06/2009 um 6:24
Na endlich mal ne Geschichte aus dem saudischen Leben….. Lieben Gruß aus OF und lass dir die Decke, oder besser den Sand nicht auf den Kopf fallen…..
18/06/2009 um 17:52
Halli Krischan,
ich wuerde mir wuenschen, dass du mehr ueber unseren taeglichen wahnsinn schreibst, es gibt so viele Interessante und unglaubliche Dinge, die wir taeglich erleben und die es Wert sind von dir kommentiert zu werden…..looking forward to it…
Pamu
18/06/2009 um 20:04
Ja, da geb ich dem Patrick absolut recht! Allein was wir gesehen haben: diese vergoldeten Wahnsinnstoiletten beim Scheich, wo ich nicht wusste, ob rechts oder links reinmachen…der nächtliche Krankenhaustrip mit den seltsamen Ärzten…die Wüstenfahrt mit unvorhergesehenen Widrigkeiten…aaaalles aufschreiben bitte!!